Freischwinger von Marcel Breuer 1929/1930

Marcel Lajos („Lajkó“) Breuer (* 21. Mai 1902 in Pécs, Österreich-Ungarn; † 1. Juli 1981 in New York City) war ein deutsch-amerikanischer Architekt und Designer ungarisch-jüdischer Herkunft, der als Erfinder des modernen Stahlrohrmöbels gilt.

 

Nach einer Tischlerlehre am Bauhaus Weimar arbeitete Breuer mehrere Jahre im Büro von Walter Gropius und machte sich dann selbständig. 1933 flüchtete er aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Nazi-Deutschland und zog über Ungarn und London in die USA. Dort baute er unter anderem gemeinsam mit Gropius die Architekturfakultät der Harvard University auf.

Beim Freischwinger handelt es sich um ein markantes Beispiel modernen Möbeldesigns. Im Jahr 1926 entwickelte der Architekt Mart Stam unter der Bezeichnung Kragstuhl einen ersten Stuhl ohne Hinterbeine, der allerdings noch auf einer recht starren Rohrkonstruktion ruhte.

 

3D-Visualisierung eines Freischwingers von Marcel Breuer

 

Marcel Breuer verbesserte den Kragstuhl bezüglich Elastizität und anderem weiter und entwickelte während seiner Zeit am Bauhaus zahlreiche Varianten aus Stahlrohr. Viele weitere namhafte Designer und Architekten schufen eigene Versionen des Freischwingers.

 

3D-Visualisierung eines Freischwingers mit Armlehnen von Marcel Breuer

 

Der klassische Freischwinger besitzt einen tragenden Rahmen aus einem einzigen gebogenen Metallrohr in „Schlittenform“, die Vorderbeine knicken unten und oben nach hinten weg. Unten läuft der Rahmen auf dem Boden wie Kufen weiter bis zum hinteren Rand des Möbels, oben verläuft er parallel zu den Kufen und dient als Träger für die Sitzfläche. Gewöhnlich knickt der Rahmen am hinteren Teil der Sitzfläche noch einmal nach oben ab, um an ihm die Rückenlehne zu befestigen, oder die Rohre werden zu Armlehnen umgebogen. In diesen Rahmen sind Sitzflächen bzw. -polster und Rückenlehne eingehängt oder eingespannt. Dieses Konstruktionsprinzip wird auch bei Freischwingern aus Formschichtholz verwendet. Der finnische Architekt und Designer Alvar Aalto hat in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einige erfolgreiche Modelle entworfen.

Nach 1929 wurden diverse Prozesse zur Frage der Urheberschaft am Freischwinger geführt, die Rechtsgeschichte geschrieben haben. Im ersten zwischen Anton Lorenz als Inhaber der Rechte von Mart Stam und der Firma Thonet, argumentierte Thonet, der Stuhl sei eine rein technische Erfindung und somit entfalle jedes Urheberrecht. Die Richter vom Deutschen Reichsgericht dagegen sahen in dem Stuhl von Mart Stam eine eigene Schöpfung und sprachen ihm 1932 die künstlerische Urheberschaft an dem kubischen Freischwinger zu.

Mies van der Rohe hatte 1926 für seine Variante des Freischwingers, den MR 20, noch vor der öffentlichen Präsentation des Stam-Stuhles auf der Weißenhof-Ausstellung ein Patent angemeldet. Dieses verteidigte er erfolgreich in einem Prozess 1936. Darin versuchte die Firma Mauser, das Patent Mies van der Rohes für nichtig erklären zu lassen, unter anderem, weil der ältere Stuhl Mart Stams ein Beispiel für eine Vorbenutzung sei. Dies wurde vom Gericht zurückgewiesen, wobei weder die ähnliche Form noch der Einfluss Mart Stams auf Mies van der Rohe eine Rolle spielten. Vielmehr führte Mies van der Rohe vor, dass die Federung ein wesentliches Merkmal seiner Erfindung war, die dem ersten Stam Stuhl fehlte. Somit hielt Mies van der Rohe die Rechte an vielen technischen Aspekten des Freischwingers.

Ein Anteil Marcel Breuers an der Urheberschaft des Freischwingers wurde von den Gerichten zwar abgewiesen, ist unter Kunsthistorikern jedoch immer noch umstritten.

 

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